Der Mythos Zahn
Dieser Artikel von Dr. med. Ingrid Müller-Mackert ist erschienen im Magazin "ganzheitlich Heilen" Heft Nr. 2/99 4. Jahrgang im Jahr 1999 beim Molinari-Verlag
Wie sie wohl einst geboren worden waren, die Riesen der Vergangenheit, zwischen feuerspeienden Vulkanen und heißen Geysiren, zwischen starren Gletschern und grollenden Muren, in ganz langsamer Arbeit und Bewegung, die riesigen Gebirgsmassive der Welt, hochragend, hart, unergründlich und mächtig. Sie tragen die ganze Botschaft der Welt in sich... Hoheit, spirituelle Weisheit, Ehrfurcht und unendlich viel Mütterlichkeit- wie Riesen stehen sie gen Himmel gerichtet, als könnte sie keine Macht der Welt je wieder bewegen.Welch unendliche Provokation sie darstellen, für den kleinen Menschen, der sich selbst doch für so groß hält - doch an den Bergen scheiden sich die Geister, denn dort oben wohnen die Himmlischen, die eigentlichen Herrscher und Hüter des Lebens.
Und kommen wir zurück, auf die Erde, was im Irdischen, im täglichen Leben, könnte uns annähernd an diese beeindruckenden Riesen erinnern? Fast mag uns nichts einfallen, doch plötzlich fällt unser Blick, gerade noch hat er es erhascht, auf eine blitzende Reihe von weißen Zähnen. Gut versteckt hinter roten, weichen Lippen, dennoch um so überraschender, wenn plötzlich große weiße Schaufeln von Schneidezähnen uns entgegenstrahlen, kalt, weiß, von kantiger Schönheit. Es ist nicht nur der uns angelernte Sexappeal, der hier zur Wirkung kommt, nein, ein Gefühl von unüberwindlicher Vitalität und Kraft, eine kalte archaische Macht, wie die schneebedeckten Gebirgsriesen, bizzare Formen, mit einer unheimlichen Ausstrahlung, geformt aus dem härtesten Material des Körpers.
Eigentlich sind uns unsere Zähne genauso fremd und mysteriös wie die Gebirgsmassive. Und wir stehen ihnen, in Problemsituatonen, eigentlich genauso hilflos gegenüber wie dem Gebirge bei großen Naturkatastrophen, ausgeliefert und in unserer Ohnmacht erkannt.
Aber auch viele Tabus finden wir wieder, die gut versteckt und im Mund verschlossen sind. Mag es das Tabu der ungehemmten Aggression sein, der alte Raubtiergeruch, die ungehemmte Lust, seinen leidenschaftlichen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die Lust nach dem Biß, als spielerische, kämpferische aber auch erotische Komponente, die meist auch dem Tabu des täglichen Lebens zum Opfer fällt.
Oder mag es das andere Tabu sein, der direkte Spiegel von Verfall und Fauligkeit, scheinbar ein Sinnbild des Vergehens und der Sterblichkeit, den wir nicht so gerne ungeschminkt den anderen entgegen strecken wollen.
Wie wenig gebrauchen wir unsere Zähne wirklich noch? Unsere Nahrung, bis auf die paar Körnchen Vollkorn in der Frühstückssemmel, erscheint uns doch mehr als Breikost und weniger als Nahrung, für die man scharfe gespitzte Waffen benötigt, um sie zu zerkleinern. Keine Nüsse, keine Fruchtschalen, kein zähes Fleisch und vor allem kein Gegner, der mit einem kräftigen Biß davon abgehalten werden muß, mir die eigene Nahrung zu rauben oder anderweitig meine Interessen zu stören. In dieser Hinsicht sind sowohl unser Leben, aber auch die Anforderungen an unsere Zähne weit weg von jeglicher existentieller Bedeutung, wer denkt jetzt in Anbetracht seiner Zähne noch an die Bedeutung von Leben und Tod, also daran, wenn er keine Zähne mehr hätte, daß er im täglichen Daseinskampf deutlich schlechtere Chancen hätte als andere?
Einerseits immer mehr Brei und Babykost, Luxus und verwöhntes Leben, andererseits immer degeneriertere Zähne, verweichlichter, fauliger Zahnschmelz, ein Tummelplatz für Karies und Zahnerkrankungen aller Art.
Typisch Zivilisationskrankheit, hieß es dann nach neueren anthropologischen Studien, nachdem reihenweise die Zähne von Ureinwohnern untersucht worden waren und der Hauptkariesbösewicht Zucker entdeckt wurde. Zucker, der einerseits sowohl im Mund als auch in anderen Regionen des Verdauungstraktes das Milieu der Schleimhaut sehr stark übersäuert und damit alles sehr empfindlich und empfänglich macht für Infektionen und Entzündungen. Außerdem benötigt der raffinierte Zucker, um im Körper abgebaut zu werden und für die Energiegewinnung zur Verfügung zu stehen, bestimmte Stoffe, nämlich Calcium, Phosphat und Magnesium. Ist nun unsere Nahrung minderwertig (fast food etc.), dann entnimmt der Stoffwechsel beim Zuckerabbau diese wichtigen Bausteine unter anderem aus den Zähnen, weil sie in der Nahrung nicht mehr ausreichend zu finden sind. Der Zahnschmelz wird weich, die Abwehrkraft läßt nach, die Karies kann zuschlagen.
Zucker als Ersatz für Liebe? Die Lieblosigkeit als größte Krankheit der zivilisierten Industrienationen? Keine Liebe, keine Zähne mehr? Keine Liebe, kein Behaupten im Leben mehr?
Auch diese Beobachtungen sind richtig. Welchen Stellenwert nehmen die Süßigkeiten bei den Kindern heutzutage ein? Einen sehr hohen, ist wohl die Antwort, gut unterstützt durch viele schöne Werbespots, die gut diskret in die Lieblingsfilme unserer Kleinen einmontiert werden.
Mit Schokolade vollgestopfte, verwöhnte Kindermünder, dahinfaulende Zähne - und völlig konflikt- und letztlich lebensunfähige Menschen? Konfliktunfähige Menschen produzieren unterdrückte, tabuisierte Aggressionen! Mag dies die Ursache der zunehmenden Gewalttätigkeit sein? Stimmt diese Kette? Ist es nötig, etwas dagegen zu tun?
Es gibt soviele Fragen, die nicht befriedigend beantwortet werden können. Zwar hat die Zahnmedizin nun auch - nach langem Zögern und Widerstreben, da es sich hierbei ja um eine der ortho-doxesten Vertreter der Schulmedizin handelt, angefangen, sich ganzheitliche Gedanken zu machen. Doch sind die Fragen, die gerade auch im Bereich der Zähne gestellt werden, vielleicht nicht radikal genug gestellt.
Denn schlagen wir ein Buch über Ganzheitliche Zahnheilkunde auf, so finden wir zwar Ansätze zu Ernährungsfragen, zu besseren Zahnmateria-lien, ja sogar zur Herdforschung, dh. daß ein kausaler Bezug hergestellt wird zwischen einer Organerkrankung und etwa einem vereiterten Zahn - und dennoch schauen die Lösungen im Endeffekt zwar etwas naturheilkundlich freundlicher (kein Amalgam, weniger Zucker, mehr Homöopathika etc.), aber nichtsdestotrotz oft genauso wenig ganzheitlich aus (es wird weiter oft nicht die Warum-Frage gestellt, Zähne werde zur Herdsanierung oft reihenweise gezogen, ohne mit der Wimper zu zucken!)
ð Was ist denn eigentlich ein Zahn?
ð Welche Repräsentanz von menschlichen Energien finden sich in Form der Zähne wieder?
ð Was bedeutet es, wenn in vielen kindlichen Gebissen nur ein bestimmter Zahn/ eine Zahngruppe befallen sind und alle anderen Zähne ganz in Ordnung sind? Daß dieses Phänomen bei Geschwistern oft konsequent auftritt und alle anderen Zähne von der Karies verschont werden, obwohl ja der Zucker und die Plaque im gesamten Mund gleich wirken müßte?
ð Welche Bedeutung hat ein gezogener Zahn, also die energetische Lücke, die für den Organismus entsteht, wenn der Zahn schon als Eiterherd solche bösen Konsequenzen für den Organismus mit sich brachte?
ð Können bei entsprechender bewußtseinsmäßiger Beschäftigung der Zahnschmelz einer bestimmten Person wieder härter werden und vielleicht Löcher und Defekte in den Zähnen von innen heraus saniert und wiederhergestellt werden, aus der eigenen Heilkraft des Menschen selbst ?
ð Ist es letztendlich möglich, bei entsprechender Information und Beschäftigung die Zähne wieder nachwachsen zu lassen, dritte oder vierte Zähne zu bekommen, so wie es z.B. beim Eichhörnchen ohne weiteres möglich ist?
ð Welche Rückwirkungen haben Kronen und Brücken auf die Vitalität und Gesundheit, wenn diese wie ein totes Gefängnis ein Leben lang über lebendige, vitale Materialien darübergestopft werden?
Diese Fragen scheinen für den einen oder anderen phantastisch zu sein, fast märchenhaft, aber wir müssen bei all diesen Fragen tiefer einsteigen, tiefer einsteigen in Ursprünge, dort wo Leben und Gesundheit entschieden werden. Tief hinein ins Bewußtsein des Menschen, dort werden die entscheidenden Trancen und Strukturen für das menschliche Dasein gelegt. Denn nicht einmal in unserem Bewußtsein, in unserer Vorstellung lassen wir die Gedanken zu, daß Zähne nachwachsen können, daß der Zahnschmelz sich verhärten könnte etc.Wie soll der Körper dann einen Weg finden, wenn nicht einmal eine Vision oder ein Plan dafür besteht?
Und wir dürfen wirklich glauben, daß unser Körper zu mehr in der Lage ist, als wir bisher wissen.
Woher weiß der Körper bei den sogenannten Spontanheilungen, wie er altes, tumoröses und zerfressenes Gewebe einfach wieder neu aufbauen kann? Wie er ganze Organe ersetzen kann und Metastasen beseitigen kann? Warum gibt es immer wieder Geschichten von Menschen, denen die dritten Zähne gewachsen sind?
Zum einen ist dies möglich, weil der Mensch in seinem Reparatursystem scheinbar alle Möglichkeiten zur Verfügung hat, wenn nur der richtige Startknopf gedrückt wird. Und dieser Startknopf, dieses Startprogramm scheint durch uns selbst, in uns selbst, aus unseren tiefen Bewußtseinsstrukturen heraus geschaffen werden zu können. Oft geschieht dies für den betroffenen Menschen selbst unbewußt, er weiß oft nicht, welche Wendungen und Bewegungen er in seinem Leben vorgenommen hat, so daß plötzlich der Krebs in ihm zu stehen kam. Oft ist es aber im Nachhinein nachvollziehbar, was die ausschlaggebenden Kräfte waren oder sind.
Auf jeden Fall finden wir bei all diesen Menschen, denen solche Spontanheilungen wiederfahren sind, eine deutliche und entscheidende Hinwendung zur Lebendigkeit, einen Glauben und ein tiefes Vertrauen in die Kraft des Lebens, verbunden mit einer großen und demütigen Offenheit gegenüber den Fähigkeiten und Gesetzen der Natur. Das bedeutet wiederum, daß solche Menschen in ihren tiefsten Bewußtseinsstrukturen eine Offenheit und grenzenlose Möglichkeiten geschaffen haben, die dann wohl die Vorraussetzungen waren für das Entstehen eines neuen Programms. Denn stellen Sie sich vor, wenn unsere inneren Vorstellungen von engen Glaubenssätzen gebunden und gefesselt sind, wenn sie voller Zweifel und Mißtrauen stecken, voller Angst an den alten, engen und konservativen Meinungen kleben bleiben, glauben Sie, daß dort eine Kraft entstehen kann, eine tiefe, archaische Schöpferkraft, die es in gigantischer Anstrengung und Gewalt möglich macht, neue Dimensionen in einem menschlichen Bewußtsein zu schaffen, Dimensionen, die einen todkranken Menschen wieder gesunden lassen, ihn aus den Fesseln der Aussichtslosigkeit und des kleinlichen Dahinsiechens erlösen und befreien können? Nein, dazu brauchen wir einen offenen Geist, ein offenes und sehnsuchtsvolles Herz, das mit jeder Faser und jeder Pore seine Sehnsucht und seine Liebe zum Leben zum Ausdruck bringt. Das sind die wahren Kräfte im menschlichen Leben, die Unglaubliches wahr machen können und die sicher die Wegweiser einer neuen Gesundheit und einer neuen Medizin sein werden...
Und riecht dies nicht ein bißchen nach den heißen Geysiren und feurigen Vulkanen, die vor Jahrmillionen auch grenzensprengend neues Leben, neue Formen, neue Strukturen geschaffen haben? Vielleicht wird uns jetzt ein bißchen verständlich, warum diese Gebirgsriesen, die großen Steinmassive, auch heute noch immer so viel archaische Weisheit, soviel Macht und heilige Ehrfurcht in den Menschen hervorrufen, die sich ihnen offen zuwenden ?
Dort auf den Gipfeln der Berge, wo die Himmlischen wohnen, vielleicht dort, hoch oben oder tief drinnen in uns, finden wir die Antworten auf all die Fragen, die so sehr nach Antworten rufen.
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