Die Geburt als existentielle Seinserfahrung und Heilungserfahrung der Frau
Dieser Artikel von Dr. med. Ingrid Müller-Mackert ist erschienen im Magazin "ganzheitlich Heilen" Heft Nr. 1/99 4. Jahrgang im Jahr 1999 beim Molinari-Verlag
Wann jemals im Leben werden wir mit dem Geruch des Lebens, der Lebendigkeit, der Ursprünglichkeit so konfrontiert wie im Umfeld der Geburt?
Dies meine ich einerseits ganz wörtlich, denn der Geruch um und in einer Geburt läßt sich mit nichts auf der Welt vergleichen ob seiner eigentümlichen archaischen, totalen und ursprünglichen Eindringlichkeit. Wie ein Hauch aus einer tiefen Welt, wo wir nicht mehr unterscheiden können, ob der Geruch uns gefällt oder nicht, ob er gut oder schlecht ist. Eine Welt, die uns einfach erfaßt und uns mitreißt in eine Erfahrung hinein, gegen die wir uns nicht wehren können.
Andererseits - was will die Geburt im Leben der betroffenen Mutter außerdem noch, außer daß sie ihr das Kind beschert? Aus meiner eigenen Erfahrung nach vier Geburten kann ich nur sagen, daß jede Schwangerschaft und jede damit verbundene Geburt jeweils ein bestimmtes Lebensthema oder ein spezifisches Problem meiner Person zum Inhalt hatte, das während der Schwangerschaft in vielen Varianten auf mich zu kam, um mich damit zu konfrontieren und es mir möglich zu machen, dieses Thema sozusagen mit dem Zeitpunkt der körperlichen Geburt durchdrungen zu haben und es in mein Leben integrieren zu können. Diese Themen können unterschiedlicher Natur sein, z.B. Eifersucht, Minderwertigkeitskomplexe, Aggression, Gefühle des zu kurz kommens, Machtansprüche, Gefühlskälte, Einlassprobleme, Angst vor Schmerz oder Verletzung, Einsamkeit, Ohnmacht, Ausgeliefertsein und vieles mehr.
Also, um noch einmal zu versuchen, dieses Phänomen der Schwangerschaft zu erklären:
Es ist, wie wenn die Zeugung des Kindes von Anfang an einen Riß in den Psychopanzer der Mutter setzt, einen Riß, der dann ein Thema aus dem Unbewußten aufsteigen läßt, was sonst gut versteckt in den Tiefen des Bewußtseins ruht und verdrängt wird, meist ein Thema, das uns normalerweise Angst und Schmerz bereitet.
Dieses Thema scheint auch nicht willkürlich in Erscheinung zu treten, sondern steht meist in engem Zusammenhang mit dem Charakter des Kindes, das dort im Bauch der Mutter heranwächst. Diesen Zusammenhang kann man zwar meist nur im Nachhinein verifizieren, wenn man die Ähnlichkeit der Vorfälle mit bestimmten dominanten Charakterzügen oder eben auch Charakterproblemen des Kindes vergleichen kann. Das Kind scheint also ab der Zeugung ein einheitliches Ganzes mit der Mutter zu bilden, sich mit ihr nicht nur körperlich, sondern auch seelisch total zu verbinden und eben durch seine Identität mit der Mutter auch für das Thema verantwortlich zu sein, das aus dem Pool des Unbewußten hochgespült wird.
Mutter und Kind haben also während der langen Zeit der Schwangerschaft bis zum Zeitpunkt der Geburt die Möglichkeit, einen großen Reifungsschritt zu tun und eben durch diese unausweichliche Konfrontation mit einem Charakterproblem nach der Geburt gestärkter, gesünder und reifer ins Leben zu treten. Darin liegt die eigentliche Chance und die eigentliche reifende Kraft einer Schwangerschaft und einer Geburt. Dies gilt natürlich für Mutter und Kind gleichermaßen. Die Geburt selbst setzt dann einen zeitlichen Endpunkt dieser Reifezeit, in dem Mutter und Kind zumindest physisch getrennt werden und dadurch ein neuer Lebensabschnitt beginnt.
Ja, es ist, wie wenn man sich plötzlich belegt fühlt von einem Thema, als ob das Schicksal in Form eines Engels (=Kind) die Möglichkeit geschaffen hat, einen dunklen, neurotischen Punkt in meinem Leben, den das Kind sozusagen stellvertretend in mein bewußtes Lebensumfeld bringt, aufzuarbeiten und bewältigen zu können.
Alles zerfließt zu einem einheitlichen Ganzen, die Umstände der Zeugung, die Persönlichkeit des Partners, der Charakter des Kindes, die konfrontativen Situationen, die der werdenden Mutter während der neun Monate begegnen, die Umstände und der Ablauf der Geburt.... Jedes für sich stellt einen Spiegel für das andere dar, jeder Vorgang stellt eine Analogie für den anderen dar, und dadurch kann der ganzheitlich erlebende Mensch den Geist des Gesamtvorganges besser verstehen und zu Handlungsimpulsen kommen.
Die Schwierigkeit findet sich meist nur darin, daß wir Frauen zum einen von unserer Kultur und zum anderen auch von unserer eigenen Denkweise her nicht gewöhnt sind, die Dinge im Leben so zu sehen und zu interpretieren, schon gleich gar nicht in der Schwangerschaft.
Wir sind es nicht gewöhnt, Konfrontationen mit Problemen oder eigenen Charakterproblemen dankbar anzunehmen und dies als Chance zu sehen, Dinge ans Licht zu bringen und sie zu erlösen. Die Realität sieht doch meist so aus, daß wir uns belästigt fühlen, wenn plötzlich Probleme in unser Leben treten, daß wir uns selbst unendlich leid tun, weil wir vom Schicksal so schlecht behandelt werden. Wir sehen uns meist nur als Opfer, nie als selbstverantwortliche Täter in unserem eigenen Kosmos, wir sehen meist nur das Leid im Vordergrund, aber nie die Chance zur Veränderung und Reife, die uns in solchen Momenten durch das Leben, durch das Schicksal oder auch durch die Göttin - wie auch immer wir es nennen mögen - geschenkt werden. In unserer Kultur wird doch gerade in der Schwangerschaft darauf geachtet, viel Konflikte zu vermeiden, der werdenden Mutter doch nichts unnötig Aufregendes zuzumuten, sie „Milupamäßig“ zu schonen und zu schützen.
Meine Erfahrungen in der Geburtshilfe haben aber immer gezeigt, daß wenn die Mutter bereit war, die durch die Schwangerschaft entstandenen Probleme und Schwierigkeiten offensiv und bewußt anzugehen, daß dieses Verhalten zum einen dazu geführt hat, daß die betreffende Frau eine deutlich leichtere und komplikationsfreiere Geburt hatte (weil ja in der Schwangerschaft sozusagen im Vorfeld Probleme aufgelöst wurden, die normalerweise sich dann erst in der Geburt analog als Geburtskomplikation in Erscheinung bringen, z.B wenn der Arm des Kindes blockierend im Geburtskanal liegt - und wo man dann meist keine Chance mehr hat, diesen auf der Verhaltensebene aufzulösen), zum anderen aber auch die Frau nach der Geburt wohl sagen konnte, daß die Schwangerschaft auch ein Wachsen und Reifen der Persönlichkeit mit einher brachte.
Ja, nur leider gibt es in unserer Gesellschaft immer noch viel zuwenig Einblick in die analogen, bzw. ganzheitlichen Zusammenhänge im Leben. Daß der blockierende Arm im Geburtsweg der Gebärenden vielleicht etwas mit dem trotzigen oder widerborstigen Charakter der Gebärenden oder auch des Kindes selbst etwas zu tun haben könnte - und daß durch Beschäftigung und Verwandlung dieses Charakterzuges während der Schwangerschaft in einen lebensbejahenderen Zug bestimmte Geburtsblockierungen dann eben analog nicht mehr auftreten müssten und würden - diese Zusammenhänge sind auch den meisten Therapeuten völlig fremd, bzw. nicht nachvollziehbar. Aber wieviele Krankheitssymptome könnte man vermeiden, wieviele Geburten erleichtern, wenn wir Menschen uns auf diese analogen Zugänge zur Wirklichkeit mehr einlassen würden?
Ja, wenn wir nur wieder so kundig wären im Verständnis ganzheitlicher, synchronistischer Vorgänge, wie es wohl unsere Vorfahren schon waren. Genau das sind doch die großen Vorzüge, die einen Schamanen der damaligen Zeit uns gegenüber so überlegen sein ließen beim Umgang mit Krankheiten, Geburten oder Problemen allgemein, das Erfassen der vielen Schichten von Wirklichkeit, in dem die Ebene der analogen Abbildungen und ihre Interpretation die entscheidenden Impulse für das Verstehen des Schamanen und sein Handeln gaben.
Und was ist nun letztendlich die entscheidende Kraft, die die Schwangerschaft und die Geburt zu solch einer wichtigen Plattform, für solch einen Dreh- und Angelpunkt von Reifung und Leben macht?
Ich glaube, daß dies bedingt wird durch die Konfrontation mit Schmerz, ja, durch die unausweichliche Konfrontation mit Angst und Schmerz, die wir bei der Geburt nicht vermeiden und ignorieren können. Schmerz (oder Angst, oder Krankheit, oder ...) führt uns in Todesnähe. Etwas muß sich öffnen, weich werden oder auch sterben, um diese archaischen Urkräfte zu verdauen, zu überstehen und auch zu verstehen.
Vielleicht schafft die Angst vor dem Schmerz diese Bereitschaft zur Öffnung, zur Veränderung, vielleicht schafft sie diesen kleinen Riß im Panzer, der sonst im alltäglichen Leben gut hält und uns keine Möglichkeit zur Konfrontation bietet.
Ja, wieder sind wir bei diesem archaischen Geruch der Geburt, der Geruch nach Blut, nach Leben und Tod, nach Schmerz - aber auch nach Erlösung, Veränderung und Verwandlung.
Wenn wir an diesem Punkt stehen, können wir dem Schmerz dankbar sein für seine existentielle Kraft zur Verwandlung und Gesundung. Wohl dem, der mutig durch den Schmerz hindurchgehen mag und dahinter neue Welten der eigenen Persönlichkeit entdecken mag, reifere, tiefere, glücklichere...
Zum Abschluß vielleicht noch einen kleinen Beitrag aus der indianischen Mythologie:
Vor vielen Zeiten überbrachte einst die weiße Büffelfrau den Männern ein Geschenk: es war die Aufforderung, bei der Initiation der jungen Männer das Sonnenritual einzusetzen. (Bekannterweise handelt es sich bei diesem Ritual um einen sehr schmerzhaften Vorgang, wo den Initianten am Schlüsselbein Holzstücke durch die Brustmuskeln getrieben werden und an denen sie dann, durch die Befestigung von Schnüren, aufgehängt und nach oben gezogen wurden, was natürlich mit äußersten Schmerzen einher ging, bis hin zu Muskelabrissen.)
Der tiefere Hintergrund bestand darin, daß die weiße Büffelfrau den Frauen die Kraft zum Gebären geschenkt hatte, aber durch diese Eigenschaft nicht nur die Kinder der Reichtum der Frauen wurde, sondern durch diese Konfrontation mit Tod und Schmerz die Frauen auserkoren waren, die Welt und das Leben in ihrer Tiefe und Macht besser erfassen und begreifen zu können und sie dadurch die Mächtigeren waren. Mächtige Vertreterinnen der Muttergöttin selbst, die ehrfurchtsvoll behandelt wurden ob ihrer spirituellen Tiefe und Weisheit, die sie als Lebensspenderinnen, die an der Quelle von Geburt und Tod weilten, prädestinierten.
Nun, jedenfalls war hier auch der Zugangsweg zu Wissen und Macht der Schmerz - und um die Männer nicht auf Dauer zu benachteiligen, wurde dann das Sonnenritual als Geschenk geschaffen.
Wie auch immer man zu diesen kulturellen Entwicklungen steht, findet sich hier ebenfalls der tiefe, ursprüngliche Zusammenhang von Geburt, Schmerz, Todesnähe, Reife - und auch die Erkenntnis, daß das Vorhandensein dieser Phänomene eigentlich eine Gnade darstellt, eine Gnade zur Reifungsmöglichkeit des Menschen, ein Geschenk der Göttin, die dadurch ein Tor öffnet in eine tiefere und reifere Wirklichkeit, ein Schritt näher auf das Paradies zu...
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